Auf der Suche nach der letzten Biene

Die Efeu-Seidenbiene (Colletes hederae)

 

Kalte Tage, Regen, die ersten Winterjacken statt kurzen Hosen – im Oktober merkt man, dass der Sommer endgültig vorbei ist. Für Insekten ist das Jahr sogar schon fast zu Ende; die niedrigen Temperaturen machen träge und alle Futterpflanzen sind längst verblüht oder beginnen bereits ihr Laub abzuwerfen. Alle Pflanzen? Nein, tatsächlich blüht auch im Oktober noch einiges. Der Gemeine Efeu (Hedera helix) mit seinen kleinen gelben Blüten ist ein Hotspot für Insekten. An warmen Tagen ist hier noch einiges los.

Ich habe ihn mir dieses Jahr auch das erste Mal genauer angeschaut und konnte vor allem Honigbienen und verschiedene Wespenarten beobachten. Doch mein eigentliches Ziel war es, die Efeu-Seidenbiene (Colletes hederae) zu entdecken. Sie lebt wie die meisten heimischen Wildbienen solitär. Das bedeutet, dass sich die Weibchen selbstständig und alleine um den Nestbau und ihre Nachkommen kümmern. Bei den Hummeln oder den Honigbienen ist das zum Beispiel anders: In einem Bienenvolk gibt es eine Arbeiterinnenkaste, die den Königinnen bei der Aufzucht der nächsten Generation hilft. Eine solitäre Wildbiene, wie die Efeu-Seidenbiene, hat keine Hilfe und trägt die ganze Verantwortung für ihre Nachkommen selbst.

Bild in Lightbox öffnen (open image in lightbox). Die Efeu-Seidenbiene (Colletes hederae), Foto: Andreas Haselböck

Bevor ein Weibchen ein Ei ablegen kann, muss sie erst einen sicheren Ort dafür schaffen. Dazu gräbt sie ein Loch in den Boden. Doch das reicht noch nicht – der Nachwuchs will schließlich auch mit Nahrung versorgt sein. Die Weibchen der Efeu-Seidenbiene sammeln hierfür fast ausschließlich Pollen am Efeu (Hedera helix) und transportieren diesen in das selbstgegrabene Loch im Boden. Sobald genug Pollen im Loch angesammelt wurden, legt das Weibchen ein Ei daneben und verschließt den Zugang zu diesem Teil des Bruttunnels. Eine kleine Brutkammer mit genau einem Ei und einem Vorrat an Pollen ist entstanden. Auf diese Weise legt das Bienenweibchen eine ganze Reihe von geschlossenen Brutkammern hintereinander an. Die Larven schlüpfen noch im Herbst aus dem Ei und verzehren den Pollenvorrat. Anschließend verpuppen sie sich und verbringen den Winter als Puppe in ihrer Brutkammer. Erst im nächsten Jahr schlüpft die ausgewachsene Efeu-Seidenbiene aus ihrer Puppenhülle und verlässt ab Ende August das Nest.

Die Efeu-Seidenbiene ist also ein richtiger Spezialist und Einzelgänger; und obwohl ich diesen September bei jeder Gelegenheit vor blühendem Efeu stehen blieb, entdeckte ich im Insektentreiben immer nur Honigbienen (Apis mellifera). Vielleicht hatte ich die Efeu-Seidenbiene einfach nicht erkannt? Sie sieht der Honigbiene doch recht ähnlich und hat sogar eine vergleichbare Größe. Doch Ende September hatte ich dann tatsächlich Glück. Ich ging nachmittags vom Einkaufen nach Hause und blieb wie schon so oft vor einer mit Efeu bedeckten Wand stehen. Zuerst sah ich wieder nur Honigbienen. Doch im emsigen Treiben entdeckte ich schließlich einige Bienen, die ein wenig anders aussahen. Obwohl ich die Efeu-Seidenbiene noch nie zuvor gesehen hatte, erkannte ich sie sofort. Die Haarbinden am Hinterleib, die bei der Honigbiene weiß sind, sind bei der Efeu-Seidenbiene ockerfarben und leuchten in der Sonne intensiv (vgl. Foto).

Wollen Sie auch noch eine der letzten aktiven Wildbienen vor dem Winter sehen? Ich würde Ihnen empfehlen, sich einmal an einem warmen Tag vor blühenden Efeu zu stellen und das Insektenschauspiel zu beobachten. Und mit etwas Glück, ist unter Honigbienen und Wespen auch eine Efeu-Seidenbiene zu finden.

Literatur zum direkt Nachlesen

Verfasser: L. Gehlen