Die Veränderliche Krabbenspinne
(Misumena vatia)
Protokoll der Beobachtung eines Individuums über mehrere Wochen von Juli bis September 2026
Gelegentlich kann es gelingen, ein einzelnes Tier über einen längeren Zeitraum sozusagen persönlich kennen zu lernen und zu beobachten, wie in diesem Fall das Individuum der Spinnenart Misumena vatia.
Auf der Suche nach emsigen Insekten, von denen eines - möglichst langsam - ein gutes Fotomotiv abgibt, kam es zur Aufnahme einer beinahe unbewegten Biene.
Die Biene war aber Beute einer weiblichen Krabbenspinne geworden. Auf der weißen Blüte der Schafgarbe Achillea millefolium (Abb. 1) war die erlegte Beute, nicht aber die 10 Millimeter lange, erfolgreiche Jägerin sofort zu erkennen.
Die Krabbenspinne hat die Fähigkeit, sich an ihre Umgebung farblich anzupassen und bei Bedarf ihre Farbe aktiv zu verändern. Ihr Farbspektrum reicht von leuchtend gelb über grün bis weiß (Abb. 2) Bei dieser Spinne handelt es sich um ein anderes Exemplar, ich habe “meine” Spinne nicht testweise umgesetzt, um ihre Tarnfähigkeit zu beweisen :)
Die Krabbenspinne zog sich nach ihrer Mahlzeit erst einmal zwischen die Blütenköpfchen ihrer Schafgarbe zurück, um zu ruhen und zu verdauen (Abb. 3).
Am nächsten Morgen war sie aber wieder auf der gleichen Blüte anzutreffen. Sie hatte sich auf die Lauer begeben und schien ganz konzentriert und unbeweglich zu sein. Aber die Annäherung des Fotoapparates führte dazu, dass sie ihre acht Beine blitzartig zusammenzog, in optimale Startposition für eine Flucht (Abb. 4). Das ist sehr vernünftig, es hätte ja auch ein Vogel sein können, denn die Spinne ist nicht nur Jägerin, sondern auch Gejagte. Ihre acht höchst präzisen Augen ermöglichen beinahe einen Rundumblick und ihnen entgeht nichts.
Um Misumena nicht völlig vom Blütenstand ihrer Schafgarbe zu vertreiben, blieb mir nur der Rückzug; vorsichtig und so rasch und unbemerkbar wie möglich.
Ein paar Stunden später war die Spinne leichter zu fotografieren, denn sie war wieder mit Essen beschäftigt (Abb. 5).
Nach der Verspeisung der kleinen Wildbiene ging sie erneut in Lauerposition über und blieb auch bis in die Dunkelheit dort. Hoffte sie auf einen Nachtfalter? Die Abenddämmerung ermöglichte ein Foto (Abb. 6).
Am nächsten Tag erbeutete Misumena wieder ein wohlgenährtes Nutztier des Menschen, eine Honigbiene (Abb. 7). Fünf Fliegen versuchten, auch etwas von der leckeren Speise zu ergattern. Eine war dreist genug, sich auf den Hinterleib der Spinne zu setzen.
Kurz nach der Mahlzeit war Misumena plötzlich verschwunden. War sie, trotz aller Tarnung und persönlicher Vorsicht, die Beute eines Vogels oder einer Fledermaus geworden? Ihr Spinnfaden verriet die Richtung (Abb. 8). Beinahe waagrecht, leicht abfallend, war sie zum zwei Meter entfernten Rosenbusch ausgewandert - um sich nun mit einem Mann zu treffen? Vielleicht!
Die Geschlechter sind leicht zu unterscheiden. Die männlichen Krabbenspinnen sind viel kleiner, 4 Millimeter lang, sie haben einen schwärzlichen Vorderkörper und die beiden vorderen Beinpaare sind schwarz-braun geringelt (Abb. 9).
Ein paar Tage später fiel mir das Spinnennest in den fruchtenden Gräsern auf. Zu einem kleinen Päckchen zusammengesponnene Grashalme und dunkle Schoten und Blätter der Zaunwicke (Vicia sepium) bewirkten eine perfekte Tarnung. Aber es war eben doch etwas auffällig zwischen den sonst aufrechtstehenden Pflanzen, vor allem wenn man genau nach so etwas Ausschau hält. Die Spinne in weißer Farbe war im Nest identifizierbar (Abb. 10).
Drei Tage später trotzte das Spinnennest Hagel, Sturm und heftigen Regengüssen, bewundernswert und erfreulich. Die Kinderstube bestand mehrere Wochen lang. Nach einiger Zeit waren viele Jungspinnen im gesamten Nestbau neben der Mutter zu erkennen. Die versponnenen Pflanzen setzten ihren natürlichen Lebenszyklus unverdrossen fort. Die Schoten der Zaunwicke öffneten sich schließlich und ließen ihre reifen Samen frei (Abb. 11). Mitte September war das Nest verschwunden. Auch Spinnenkinder müssen sich schließlich selbstständig machen.
Wer heimische Wildblumen im Garten oder auf dem Balkon beherbergt, kann die Wunder des Lebens immer wieder direkt und ohne große Reisen beobachten, meist nicht die erwarteten, sondern die zufällig entdeckten.
Literatur zu weiteren Informationen
- Spohn, Margot und Roland: Blumen und ihre Bewohner, Haupt Verlag Bern, 2. Auflage 2020
Text: L. Domdey-Kunz