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Die Wiesen-Witwenblume

(Knautia arvensis)

 

Zuverlässiger Treffpunkt auf der Bunten Wiese


Wer in einer bunten Wiese möglichst schnell Insekten entdecken will, ist gut beraten, sich auf die lila Blütenstände der Witwenblumen zu konzentrieren (Abb. 1 & 2). Die Blütenköpfe sind sehr auffällig und überragen auf ihren hohen Stängeln meistens alle anderen Blüten (Abb. 3). Wegen ihrer Form und Größe erinnern sie an einen Mantelknopf und werden in der Umgangssprache oft „Lila Knopfblume“ genannt (Vorsicht: nicht zu verwechseln mit dem botanisch korrekten und nicht verwandten Wiesenknopf Sanguisorba).

Eine Pflanze zeigt gleichzeitig viele Blütenköpfe in unterschiedlichen Entwicklungsstadien: Knospen, voll erblühte Exemplare, Fruchtstände und leere Blütenböden mit bereits abgefallenen Samen. Immer wieder werden neue Blütenstände aus Seitenachsen vorbereitet, die sukzessive aufblühen. So gibt es Blüten bis zum Herbst. Nach der Heuernte kommt es zu einer raschen Nachblüte.

                                                                                                                                                                     

  • Abbildung 1: Die Witwenblume fällt mit ihren zart violetten Blütenständen auf. Foto: S. Görn

  • ​Abbildung 2: In einer Bunten Wiese darf die Witwenblume nicht fehlen. Foto: S. Görn

  • Abbildung 3: Eine Pflanze treibt viele Blüten aus einer langen, kräftigen Pfahlwurzel, die die anderen Pflanzen überragt. Foto: L. Domdey-Kunz

Die einzelnen Blüten sind winzig klein, bis zu fünfzig Stück in einem leicht gewölbten Blütenstand zusammengefasst und der ist von einer gemeinsamen Hülle umgeben. Da die Blüten nach und nach befruchtet werden und nacheinander abfallen, kann man am Ende der Blühphase die zurückbleibenden Einzelblüten gut erkennen. Das ist besonders auffällig, wenn die verbleibenden Blüten zum Beispiel vom Trauer-Rosenkäfer (Oxythyrea funesta, Abb. 4) besucht werden.

Abbildung 4: Der Trauer-Rosenkäfer besucht die letzten Einzelblüten. Foto: L. Domdey-Kunz

Abbildung 5: Die ausgebleichte Farbe der Flügel lässt vermuten, dass dieser Distelfalter mit dem Frühjahrsföhn aus Nordafrika nach Mitteleuropa gewandert ist. Foto: L. Domdey-Kunz

Abbildung 6: Die Hummel-Waldschwebfliege (Volucella bombylans) ahmt in Gestalt und Verhalten eine Hummel nach. Foto: L. Domdey-Kunz

Überhaupt ergeben die violetten Blütenköpfchen in der Wiese einen hervorragenden Blickpunkt.

Zuerst fallen bei der Betrachtung die großen Schmetterlinge auf. Der Distelfalter (Vanessa cardui, Abb. 5) bedeckt sogar den ganzen Blütenstand. Dicke Hummeln saugen, oft mehrere gleichzeitig, den angebotenen Nektar. Vielleicht ist das beobachtete Insekt auch gar keine Hummel, sondern eine Fliege (Abb. 6), die nur so tut, als sei sie eine Hummel?

Es lohnt sich, genauer hinzuschauen.

Kleine, eher unscheinbare Insekten lassen sich meistens erst auf den zweiten Blick entdecken (Abb. 7).

An vielen Stängeln findet man Blattlaus-Herden (Aphididae), die von ihren Ameisen-Hirten bewacht und versorgt werden. Für die Nährstoffe, welche die Knautia den Blattläusen zukommen lässt, gibt es eine Gegenleistung. Die Ameisen werden die reifen Samen weiträumig verbreiten. Das Ölkörperchen an den Samen (Elaiosom) dürfen die Ameisen behalten. 

Abbildung 7: Die Skabiosen-Langhornmotte besucht auch als erwachsener Falter ausschließlich die Futterpflanzen ihrer Raupen. Foto: L. Domdey-Kunz

  • Abbildung 8:  Eine Veränderliche Krabbenspinne macht sich auf den Weg, um auf der Oberseite des Blütenkopfs auf ahnungslose Blütenbesucher zu lauern. Foto: L. Domdey-Kunz

  • Abbildung 9: Die Larve der Schaumzikade schaut schon mal aus ihrem Schaumnest heraus. Foto: L. Domdey-Kunz

  • Abbildung 10: Der Langhaarige Scheckhornbock (Agapanthia intermedia) verwendet die Haare des Stängels als Leitersprossen. Foto: L. Domdey-Kunz

  • Abbildung 11: Diese Raupe verlässt sich offensichtlich auf ihren in Form und Farbe perfekt getarnten Körper und übernachtet sogar obenauf. Foto: L. Domdey-Kunz

Gelegentlich kann man eine Krabbenspinne (Misumena vatia) beobachten. Bewegungslos ruht sie unter dem Blütenkopf auf den Hüllblättern. Krabbelt sie langsam und bedächtig, fast wie in Zeitlupe, auf die Blütenblätter, verändert sie ihre Farbe. In der Zeit der Anpassung kann sie dem Betrachtenden plötzlich auffallen. Sie begibt sich dann, perfekt getarnt, auf die Oberseite des Blütenkopfes, um dort auf Beute zu lauern (Abb. 8). Der Blütenkopf ist tatsächlich wie ein Schirm geformt und bietet Schutz und Sicherheit, zum Beispiel für die Kinderstube einer Schaumzikade (Aphrophoridae, Abb. 9). Wer vorsichtig unter den „Schirm“ blickt (Abb. 10), kann Überraschendes entdecken. Tiere, die auf der Oberseite der reifenden, noch grünen Samenständen verweilen, müssen optimal angepasst sein (Abb.11)

Bei näherer Betrachtung der Witwenblume fällt ihr dichtes, weißes Haarkleid (Indument) auf allen grünen Teilen sofort auf. Im Mikroskop sind die vielen Haare der Pflanze geradezu dramatisch anzusehen. Die stabile Zellwand scheint völlig durchlöchert. Man kann es als eine Art Lochmuster bezeichnen. Jedes Haar ist insgesamt durchsichtig (Abb. 12 - 14).

Die Wiesen-Witwenblume kann leicht mit der Taubenskabiose (Scabiosa columbaria) verwechselt werden, da die Blütenköpfchen sehr ähnlich aussehen. Diese ist aber, als erster Hinweis für den Betrachter, viel weniger behaart, viel zarter gebaut und insgesamt kleiner. Die beiden Arten sind aber nicht nur optisch sehr ähnlich. Es gibt Insekten, die beide Arten als Futterpflanze nutzen können. Beispiel seien die metallisch glänzende Skabiosen-Langhornmotte (Nemophora metallica, siehe Abb. 7) und die Knautien-Sandbiene (Andrena hattorfiana).

Im Gegensatz zur Skabiose, deren Randblüten fünf Kronblattzipfel aufweisen, haben die Randblüten der Witwenblume nur vier Kronblattzipfel - so wäre sie also eine arme Witwe. Es gibt aber auch die Deutung, dass die dekorativen und robusten Blüten, die den ganzen Sommer über zur Verfügung stehen, früher häufig bei Bestattungen verwendet wurden. Auch „Nähkissen“ oder „Nadelkissen“ sind bekannte Namen.


Übrigens: Ihren allgemein gültigen wissenschaftlichen Namen erhielt die Pflanze von Carl von Linné, um die Ärzte Christian und Christoph Knaut zu ehren (Autoren-Kürzel KNAUT). 

Deshalb muss es korrekt auch immer „Wissenschaftlicher Name“ heißen, denn die Namen sind bei Weitem nicht immer lateinisch! 

Ab ca. 1650 A.D. entwickelten die beiden Knaut-Brüder ein System zur Einordnung von Pflanzen nach wissenschaftlichen Gesichtspunkten (Taxonomie).

Literatur zu weiteren Informationen

  • Spohn, Margot und Roland: Blumen und ihre Bewohner, Haupt Verlag Bern, 2. Auflage 2020
  • Schauer, Thomas / Caspari, Claus und Stefan: Der illustrierte Pflanzenführer, BLV 2020 Gräfe und Unzer Verlag GmbH München, 14. Auflage 2024
  • Abbildung 12: Pflanzenhaar mit Lochmuster (V=400x). Foto: L. Domdey-Kunz

  • Abbildung 13: Die Haare sind transparent und lassen die Außenhaut (Epidermis) der Blattunterseite mit ihren Atemöffnungen (Stomata) durchschimmern (V=400x). Foto: L. Domdey-Kunz

  • Abbildung 14: Haarspitze (V=400x). Foto: L. Domdey-Kunz

Text: L. Domdey-Kunz